Transkript
VUT-Panel „Musik im Internet – Nadelöhr Rechteerwerb“
17. September 2009, 16:30 – 18:00 Uhr
Meistersaal am Potsdamer Platz, Berlin Mitte
Teilweises Transkript des Mitschnitts, Passage von 00:44:08 bis 01:06:15. Die Betonungen im Text sollen soweit wie möglich die tatsächlich gemachten wiedergeben, gleiches gilt für die mitunter verwendeten rhetorischen Zitate, die ebenfalls kursiv gehalten sind. Einige ergänzende Hinweise sind in eckigen Klammern eingefügt.
Alexander Wolf (Syndikus der GEMA, CEO der CELAS)
Also vielleicht nochmal als Übersatz … eins muss man einfach begreifen … das hat sich seit 2005 geändert: Der Gesetzgeber – in dem Falle die Europäische Kommission – will den Wettbewerb um die Rechteinhaber zwischen den Verwertungsgesellschaften oder anderen Rechtsmanagern. Das steht fest und das wird sich nicht ändern. Es gab bis zu diesem Zeitpunkt – mit einigen Ausnahmen, die 71er-Entscheidung – einfach keinen Wettbewerb der Mitglieder. Sie können sich nicht vorstellen was in verschiedenen Ländern, oder wie in bestimmten Ländern in Europa aber auch außerhalb Europas, wie dort die Administration von Rechten aussieht. Ich will die GEMA da jetzt gar nicht davon ausnehmen und sagen ‘Wir sind also hier Gottes Geschenk’, aber die Kommission hat eine Entscheidung getroffen, das wird unterstützt – wir haben es gerade von Herrn Holzhauer gehört – nicht nur von den großen, sondern auch von den kleinen Verlagen oder auch den individuellen Rechteinhabern – zumindest teilweise – und damit muss die GEMA umgehen. Deshalb stellt sich für uns die Frage im Moment – das habe ich vorhin beim Einstieg ja auch gesagt – wie können wir so viel wie möglich Repertoire an uns binden, um eine Situation zu vermeiden, die Du ja eingangs dargestellt hast, dass der Lizenznehmer zu uns kommt und dann gezwungen ist zu vielen weiteren Knotenpunkten zu gehen, um hier das Rest-Repertoire zu lizenzieren. Also unser Ziel ist, uns administrativ besser aufzustellen, die technische Infrastruktur zu verbessern. Wir haben ein großes Projekt im Moment, das läuft, um hier auf diese Herausforderungen zu reagieren, sprich die Datenbanken zu entwickeln, die Split-Copyright-Lizenzierung ermöglichen, Katalog für Katalog. Das muss eigentlich jede Gesellschaft tun. Und wir versuchen – im Rahmen, das muss man auch fairerweise sagen, des Urheberrechtswahrnehmungsgesetzes, weil da bewegt sich eine Verwertungsgesellschaft eben, in diesem lex specialis – die Wünsche unserer Mitglieder, das möchte ich auch an dieser Stelle deutlich machen, zumindest die, die aus dem Aufsichtsrat an uns herangetragen werden, im tariflichen Bereich zu erfüllen, indem wir eben in bestimmten Bereichen, wo wir uns mit den Lizenznehmern nicht verständigen können, vor die Schiedsstelle gehen. Deshalb gibt es diese Verzögerung bei den Ausschüttungen, deshalb gibt es Hinterlegungen und deshalb sind individuelle Rechteinhaber, die selber agieren können und ein attraktives Repertoire haben natürlich gegenüber einer Verwertungsgesellschaft bevorzugt. Aber im Moment haben wir diese Rahmenbedingungen.
Mark Chung (Freibank Musikverlag, Vorsitzender des VUT)
Ich würd gerne kurz was dazu sagen. Also ich glaube ich spreche da wahrscheinlich für die meisten unabhängigen Verlage: Wir begrüßen grundsätzlich Wettbewerb zwischen Verwertungsgesellschaften. Das ist ein guter Ansatz und auch gut gedacht, aber die Ergebnisse der Politik der Europäischen Kommission – ich spreche da der Einfachheit halber für mich selbst, weil das nämlich ein Thema ist, wo es auch eine abgestimmte Meinung des VUT gibt – aber … die ist katastrophal aus unserer Sicht. Es ist auch katastrophal gemessen an dem Anspruch, mit dem die Europäische Kommission in diesen ganzen Prozess reingegangen ist. Was sie ja eigentlich erreichen wollte, war, dass sie von Steve Jobs gehört hat wie furchtbar das ist: Wenn ich in Europa iTunes machen will, muss ich ja zu 27 – oder wieviele auch immer Verwertungsgesellschaften es sind – hingehen und mir 27 Lizenzen holen, wenn ich europaweit arbeiten will. Was die Kommission eigentlich wollte, wie wir ja auch den Papieren wissen, ist, dass es für jemanden wie iTunes leichter gemacht wird, einen pan-europäischen Download-Shop zum Beispiel zu machen. Das war das Ziel. Das Ergebnis von der Politik, die sie gemacht hat, ist ein völlig anderes: Jetzt ist es so, dass ein Download-Shop in einem Land, der einen Download-Shop in einem einzigen Land der EU machen will, wahrscheinlich zu genauso vielen Verwertungsgesellschaften gehen muss, plus zu CELAS, plus zu (unverständlich) oder wie das heißt. Entschuldigung, ich kann mir das immer so schlecht merken (lacht). Die Situation hat sich wesentlich verschlimmert für den Künstler. Und damit ist die Politik völlig am Ziel vorbei gegangen, auch der EU-Kommission. Wir haben eine Situation, die nicht funktioniert. Das ist nicht ‘ne Sache, die wir begrüßen. Also da sind wir uns völlig einig. Ich glaube, da haben Sie auch unsere volle Unterstützung. Wir müssen nochmal an den Gesetzgeber zurück und darauf hinweisen, dass das nicht funktioniert hat, so wie man es gemacht hat. Das ist ja mit einer unglaublichen Naivität gemacht worden. Also, ich les’ ja nicht die ganzen Papiere, aber ich hab ein Papier von der EU-Kommission gelegen: Die haben sich ja Dinge vorgestellt, wie, dass bestimmtes Repertoire/Genres zu bestimmten Verwertungsgesellschaften „gravitieren“ würde. Da konnte man dann lesen: ‘Ja, vielleicht würde ja dann das ganze Rock-Repertoire zum Beispiel bei der Stemra [niederländische Verwertungsgesellschaft] sein. Und wenn jemand einen Rock-Download-Shop machen will, dann kann er sich ja seine Lizenz von der Stemra holen’. Das stand ernsthaft in Unterlagen von … diese völlig hirnrissige Idee. Irgendjemand hat vergessen, denen das zu erklären, oder sie haben vergessen, jemanden zu fragen. Aber damit haben wir diesen Salat bekommen, den wir jetzt haben. Das ist nicht eine Situation, die wir begrüßen, und auch nicht eine, die wir unterstützen. Im Gegenteil: Wir unterstützen, dass das nochmal angegangen wird.
Alexander Wolf
Also, ich war dabei, ich war bei Herrn Lüder [gemeint ist wohl Tilman Lüders von der EU-Generaldirektion Binnenmarkt] im Zimmer und hab noch an der Option 3 versucht Verbesserungen mit einzubringen, also wir haben es denen erklärt. Vielleicht nur ganz kurz zur politischen Diskussion damals: Es gab zwei Argumentationsstränge … den einen, den Sie genannt haben … die Lizenznehmer, die gesagt haben, wir möchten gerne aus einer Quelle das Weltrepertoire in Europa eingeräumt bekommen. Jeder soll im Prinzip das Weltrepertoire zur Verfügung gestellt bekommen, also jede Verwertungsgesellschaft, und dann suchen wir uns die Verwertungsgesellschaft aus, mit der wir am besten können. Das war der Gedanke, die sogenannte Option 2 … der große Lizenznehmer, die Sie alle kennen, Apple iTunes, Yahoo, wie sie alle heißen, angeführt von DIMA, beziehungsweise in DIMA, der Lobby-Organisation in den USA beziehungsweise in Europa. Das war ‘ne Milchmädchenrechnung. Das haben wir auch damals deutlich gesagt. Wir haben gesagt ‘Das werden wir nicht akzeptieren, weil unsere Rechteinhaber dies nicht mitmachen werden. Die werden nicht hinnehmen, dass eine Gesellschaft XYZ wo auch immer in Europa das Weltrepertoire ohne Qualitätsprüfung, ohne tarifliche Garantien, dass wir hier nicht ‘ne Niedrigpreisspirale bekommen in Europa, einräumen können‘. Und der politische Kompromiss – das ist eben Politik – war: Wenn wir keinen Wettbewerb auf der Tarifebene haben, dann haben wir eben Wettbewerb auf der Mitgliederebene. So einfach war die Rechnung letztendlich. Dies war der Kompromiss, der dann letztendlich zu dem geführt hat, was wir heute haben.
Dr. Martin Schaefer (Moderator, Sozietät Boehmert & Boehmert)
Das ist eine Art … also, über die Vergangenheit und die Fehler, die da … die Fehlentwicklungen, die da gelaufen sind, kann man also wahrscheinlich nicht nur so eine Diskussion, sondern da kann man ein ganzes großes Seminar oder noch viel mehr drüber abhalten. In der Tat ähnelt die Situation ja so ein bisschen dem Wunsch, Linksverkehr einzuführen, allerdings zunächst nur für Lastwagen (Gelächter). Und … das ist auch das entsprechende Ergebnis dieser Kompromisse, oder? Hat doch Ähnlichkeit mit so einem Kompromiss. Und das funktioniert eben nicht, wenn man das System nicht kennt, was dahinter steckt, und … dass in der Tat … alle, die sich in diesem Themengebiet professionell auskennen, wissen inzwischen, dass eben diejenigen, die damals politisch gehandelt haben, das nicht vollständig durchschaut haben. Denn das Problem…
Patrick Strauch (Sony / ATV Germany Music Publishing)
(zuerst ohne Mikrofon) Das war uns gerade eben viel zu nett ausgedrückt. Also, das war die schwachsinnigste Entscheidung, die es jemals gab in Brüssel … schlimmer als jede Bananenverordnung. Es ist einfach so … das Gute an diesem Vorstoß war ja, dass den Verlagen eine gewisse Möglichkeit eingeräumt wird. Das begrüßen wir auch sehr. Das ist auch ein wichtiger Punkt, sowohl für die Indies als auch für die Majors, dass wir eine gewisse Kontrolle haben, was mit unseren Rechten passiert, gerade im Bereich Online. Das wollten wir auch. Aber … was jetzt gerade passiert, mit dieser Aufteilung der Rechte, das wird weder von uns gewollt in Deutschland noch von unseren Vorturnern in New York [gemeint ist Sony Entertainment].
Dr. Martin Schaefer
Das ist ‘ne interessante … das ist ein interessantes Statement, denn ich habe mich natürlich jetzt auch gefragt, was ist denn eigentlich die Idee, die die großen Verlage eigentlich verfolgen in diesem Bereich? Denn ich meine, wir haben in diesem Segment des geistigen Eigentums eine besondere Situation, die es fast nirgendwo so extrem gibt. Das gibt es im Buchverlagsbereich nicht, das gibt es auch eben bei den Labels nicht. Bei den Labels gibt es im Zweifel dann irgendeine internationale Firma, die meistens – das ist in den allermeisten Fällen so – an einer Aufnahme weltweite Rechte einräumen kann. Das Gleiche gilt eben im Prinzip bei Buchverlagen oder ähnlichem auch, da gibt es also sozusagen eine Einheit des Rechtestamms. Im Musikverlagsbereich gibt es ja nun diese besondere Situation, dass es eben nicht nur Komponisten und Textdichter gibt, die unter Umständen bei unterschiedlichen Verlagen sind, sondern dass auch die Anteile an bestimmten Werken unterschiedlich verteilt sind. Das heißt … meiner festen Überzeugung nach war eben einer der Bereiche, den sich die EU damals überhaupt nicht … das hatten die überhaupt nicht auf dem Schirm … die Tatsache, dass es eben gar nicht möglich ist, dass ein Verlag aus seinem eigenen Katalog heraus alles, was da drin steht, alleine vermarkten kann. Und er braucht eben im Zweifel andere dafür und es ist eben nach dem deutschen Urheberrecht ganz eindeutig: Wenn man also mehrere Rechtsinhaber am selben Werk hat, dann müssen die alle zusammen stehen, um überhaupt handeln zu können. Das ist also wirklich wie ‘ne … Gemeinschaft, die sich gemeinsam ein Schlauchboot kauft oder was. Da können sie auch nur gemeinsam drüber verfügen, und die Situation wird natürlich, wenn es von Schlauchbooten und Freizeitaktivitäten ins Wirtschaftsleben kommt ja dann doch erheblich viel komplizierter. Was ist denn jetzt eigentlich bei den großen … also gut … Alexander Wolf springt ein und rudert die ganzen Leute zusammen, aber grundsätzlich: Wie weit ist denn eigentlich ein Verlag … wenn man jetzt mal den Spieß umdreht und sagt, wir gehen nicht mal erst zur GEMA, sondern wir gehen zum Verlag und fragen den ‘Sag mal, jetzt machen wir’s mal etwas einfacher’ und ich gehe jetzt erstmal der Reihe nach die ganzen großen Verlage ab und frage die, ‘Kannst du mir jetzt nicht dein Repertoire geben?‘. Was kann man mit dem Repertoire anfangen, was man dort vermittelt bekommt? Gibt’s da irgend ‘ne Liste, die dann sagt ‘Achtung! Bei folgenden Titeln da haben wir nur ‘nen kleinen Teil, da musst Du zu anderen gehen‘ oder wie sieht das aus?
Patrick Strauch
Nee, also wir gehen da viel genereller vor. Wenn jetzt zum Beispiel iTunes zu mir käme und würde sagen ‘Ich brauch jetzt von Dir alle Sony-ATV-Rechte von den lokalen Werken‘ – das kann ich gar nicht machen. Einfach eben aufgrund dieser Problematik der aufgeteilten Copyrights. Und deswegen bin ich auch ein großer Anhänger der Idee, dass wir am Ende des Tages unsere Rechte zwar durchaus individuell vertreten – im Innenverhältnis zu unseren Partnern sprich zu einer Society – dass wir aber am Ende des Tages uns wiederum vereinigen – ob es nun GEMA heißt oder ob es eine andere, eventuell europaweite Society ist mag jetzt noch hier dahinstehen – aber wir werden nicht drum herum kommen, uns wieder unter einen Schirm zu stellen, damit all diese Rechte zusammen gehalten werden. Trotzdem ist für uns wichtig, dass wir im Innenverhältnis dann wiederum zu dieser … zu diesem Schirm durchaus ein Mitspracherecht haben, was mit unseren Rechten passiert und zu welchen Lizenzsätzen die Rechte vergeben werden können.
Dr. Martin Schaefer
Das ist auch wieder ein ganz interessantes Statement, denn das sagt im Grunde genommen, wir wollen eine GEMA, die Dinge macht, die sie im Moment gar nicht machen darf. Denn in gewisser Weise ist das ja inzwischen so, dass dieses deutsche Wahrnehmungsgesetz, das früher mal eine Stärke der deutschen Rechtewahrnehmung war, jetzt sich zu ‘nem Hindernis entwickelt hat. Denn alles das, was wir jetzt gerade aufgezählt haben, darf die GEMA nicht machen. Ja, die muss im Grunde nach außen und nach innen alle gleich behandeln und darf keinerlei kaufmännisch begründete Entscheidungen treffen. Sie muss vor allen Dingen alles, was sie macht, nicht nach normalen geschäftlichen Abläufen, sondern mit … Durchlaufen der Mitgliederversammlung usw. …
Patrick Strauch
Darf ich kurz einhaken … also, es ist ja falsch, zu glauben, dass die GEMA ein Verein voller Samariter ist, die nur irgendwelche Rechte wahrnimmt. Die GEMA hat natürlich den Auftrag, die Rechte ihrer Mitglieder bestmöglich auszuwerten und bestmögliche Lizenzen einzusammeln. Und natürlich geht es da um ganz prophane monetäre Hintergründe.
Dr. Martin Schaefer
Nee, das … da sind wir uns sicher alle einig. Nein, ich meine was anderes: Dieses deutsche Gesetz, das Wahrnehmungsgesetz, ist eben eine Sache, die eine ganze Reihe von Dingen vorsieht, die die Bewegungsmöglichkeiten einer Verwertungsgesellschaft behindern, in diesem Sinne …
Patrick Strauch
Also es gibt ja diesen Paragraph 11, den Kontrahierungszwang … den Wahrnehmungszwang auch der GEMA. Das sind eben Punkte, über die man auch sicherlich mal sprechen muss, weil einfach nur – also, um jetzt mal in der Musikwelt zu bleiben – es gibt kein Tonträgerunternehmen, das unter diesem Paragraphen leidet. Und die GEMA leidet unter diesem Paragraphen. Ich finde ja, dass die Idee, dieses Wahrnehmungszwanges durchaus ein wichtiger ist, aber er wurde in den letzten Jahren einfach komplett pervertiert, weil er gerade von den wirklichen Lizenznehmern auf den Kopf gestellt wurde. Das heißt also wir reden hier über Verhandlungen, die über sieben Jahre laufen, wo einfach große Anbieter über sieben Jahre lang Werke genutzt haben von der GEMA und wirklich Peanuts dafür bezahlt haben … einfach aufgrund dieser Rechtslage, und diese Rechtslage gehört in dieser Art und Weise abgeschwächt.
Dr. Martin Schaefer
Ich will gar nicht in die Details dessen einsteigen, was … gerade über diese Frage eben Hinterlegung und … Angreifen und Reformieren von Tarifen könnte man Vieles noch sagen. Ich will nur Eines sagen … dass diese Situation, wie sie in Deutschland existiert, mit der Verpflichtung der GEMA, jeden aufzunehmen, mit der Verpflichtung, jedes Recht, das die GEMA wahrnimmt, jedem zu geben … und dann natürlich auch mit der Möglichkeit, dass man also sozusagen von Gesetzes wegen im Grunde tariflich gebundene Rechte erwerben kann … das ist ja eingebunden in ein noch größeres System von allen möglichen Bindungen, auch was die Organisation, die Binnen-Organisation der GEMA betrifft. Ich wollte nur auf Eines hinaus: Wenn man jetzt sagt, ‘Wir wollen da eigentlich zurück, aber in eine Art neue GEMA‘, müsste man ja mal die provokante Frage stellen, ob es dann nicht vielleicht darauf hinausläuft. dass man zwei Voraussetzungen schaffen muss: Nämlich einmal dieses Gesetz entweder ändern oder abschaffen, im Hinblick zumindest auf den Bereich, den wir hier heute diskutieren – in anderen Bereichen ist das ja nicht so extrem – aber das wäre ja die eine Sache. Und die zweite Sache … müsste man dann nicht den Verein, wie er da jetzt steht, man muss ihn ja nicht auflösen, aber man müsste im Grunde genommen den doch nochmal neu gründen, daneben, um für diesen Bereich … eine Art Online-GEMA, die völlig anderen Prinzipien folgt, denn wenn ich mir jetzt mal vorstelle, wie Berechtigungsverträge und die ganzen großen anderen Entscheidungen in der GEMA getroffen werden … also … ich hab das mal so aus der Nähe gesehen mit den ganzen Kurien und den ganzen Politiken, die dahinten getrieben werden, in einer solchen … in einer solchen, ja, Mischung aus persönlichen und Allgemeininteressen gemischten Form … da kriegt man doch nie im Leben eine wirtschaftlich schlagfähige Organisation hin.
Rudy Holzhauer (CEO Progressive Musikverlag)
Das ist genau das Problem. Also wir haben hier eigentlich verschiedene Dinge, die zueinander kommen und die mich eben auch zögern lassen, meine Rechte – das ist einer der Gründe – der GEMA zu übertragen. Die GEMA hat sicherlich im europäischen Kontext einen Wettbewerbsnachteil, aufgrund der hiesigen Situation. Also, die ganzen Rückstellungssituationen, die Tarifverhandlungen, die Du eben schon erwähnt hast, die zum einen zu erheblichen Verzögerungen führen. Zum zweiten ist das … die GEMA ist deutsch, deutsch, deutsch. Sie ist aufgrund der deutschen Mentalität einfach so gestrickt wie, wie die Finanzämter. Nicht umsonst … man kann das wirklich vergleichen – auf der Tarifseite und auch auf der Verteilungsseite – mit den deutschen Steuergesetzen. Es ist ja ein Bonmot, dass also 50% der weltweiten Steuergesetze deutsche sind. Und diese Kleinteiligkeit, die wir hier offensichtlich lieben, führt eben zu diesen Problemen, und das ist eben … da sind die Veranstalter auf der einen Seite, die ja im Augenblick auch sehr aufmurren, und auf der anderen Seite also auch die Mitglieder der GEMA, die über Pro-Verfahren und ähnliche Dinge also wochenlang diskutieren – während es in vielen anderen Ländern, gerade im anglo-amerikanischen Raum einfach darum geht, so effizient wie möglich zu arbeiten. Und wir hatten ja gehört, dass die PRS also mit YouTube zum Abschluss gekommen ist. Und da ist auch irgendwie die Mentalität, ich hab lieber heute 300 Euro als vielleicht in zwei Jahren 500. Und das sind die Probleme, mit denen wir zu kämpfen haben und mit denen auch die GEMA zu tun hat und wo ich also mir wünschen würde, es würde eine Lösung geben. Ich seh’ sie halt nicht und deswegen diskutieren wir auch ewig und drei Tage darüber. Und wir müssen uns halt – das ist eben den Anspruch, den ich für mich habe – die Möglichkeit geben, unter Umständen dann eben andere Möglichkeiten zu wählen, andere Optionen, wie immer die aussehen mögen.
Dr. Martin Schaefer
Aber wäre es denn jetzt ‘ne Möglichkeit – jetzt mal ganz provokant gefragt – dass man jetzt mal diese gesamten Versuche, die jetzt mit verschiedenen Agenturen gemacht werden, mal vor die Klammer zieht und genau das, was Sie gerade gesagt haben, das nochmal versucht und sagt ‘Jetzt machen wir das Ganze mal aus den zwei Grundeinstellungen‘ … wir akzeptieren jetzt einfach, dass die Online-Rechte aus der traditionellen GEMA raus sind, und wir machen jetzt einfach eine Neugründung einer anderen Verwertungsgesellschaft, allerdings einer, die eben dann möglicherweise – das müsste man dann europäisch oder nochmal politisch möglich machen, denn mit den gegenwärtigen Gesetzen geht das natürlich nicht – aber wäre es nicht dann eine Variante, dass man sagt ‘Wir machen diese Kombination eben individuell und kollektiv auf einer sauberen Grundlage und machen das, was die englischen Clubs machen, die ihre Mitglieder nicht rauswerfen dürfen, dass sie sich einfach auflösen und neugründen‘ (Gelächter). Ja, ich meine für diesen Bereich … dieser Bereich ist ja isolierbar, weil er ohnehin nur zu einem ganz kleinen Teil in der GEMA ist [gemeint sind hier die „Online-Rechte“, also die Wahrnehmung der Rechte der Zugänglichmachung über das Internet].
Alexander Wolf
Aus meiner Sicht … das ist genau die Antwort. Es könnte niemand besser zusammengefasst haben als gerade Herr Holzhauer, wie’s aussieht, aber das ist das Problem: Wir können nicht … die GEMA-Administration kann sich nicht bewegen, weil die Rahmenbedingungen … ob das die Satzung ist, die wir jetzt geändert haben auf der letzten Mitgliederversammlung … jetzt können wir Inkasso-Mandatsverträge abschließen, was soviel bedeutet wie: Ein Rechteinhaber muss uns die Rechte nicht übertragen, wir können aber dafür trotzdem das Inkasso durchführen … was passiert? Das Deutsche Patentamt, unsere Aufsichtsbehörde, schaut natürlich sehr genau dadrauf. Die Politik mischt sich ein, alles wieder sehr sehr national fokussiert. Wir müssen es schaffen, wie Du das richtig dargestellt hast, den breiten Rahmen – also den Standort Deutschland – in den Vordergrund zu rücken, und zwar auf Europäischer Ebene. Und den können wir nur erfolgreich … diesen Prozess können wir nur erfolgreich bestehen, wenn wir die Rahmenbedingungen ändern. Das tun wir auch, wir sind im Gespräch. Jeder, der in den Gremien der GEMA aktiv ist, weiß dies, dass wir da seit langem darauf hinwirken. Was ich mir gewünscht hätte und was ich mir immer noch wünsche – wahrscheinlich ist das eine … ein Traum – dass man mit den Nutzern … mit einigen geht das, aber nicht mit allen … mit den großen Nutzergruppen, grpßen Nutzergruppenverbänden zu einer vernünftigen … zu einem vernünftigen Dialog kommt, der eben von beiderseitigem Realismus geprägt ist. Und das ist eben in Deutschland auch nicht der Fall. Deshalb ist es eben so, da spreche ich aus Erfahrung, kann ich Ihnen sagen – gerade bei der CELAS, wo wir pan-europäisch lizenzieren – da weiß ich eben, dass ich mich außerhalb Deutschlands über so ziemlich alles verständigen kann, auch auf angemessene Tarife, aber in Deutschland funktioniert das nicht. Und dann reagieren, wie in anderen Bereichen der Wirtschaft eben auch … reagieren diejenigen, bei denen das Geld eben ankommt letztendlich und machen Alternativszenarien auf, ob das BMG ist mit seinem Modell [die Ausgründung BMG Rights Management, für die statt des angekündigten Hartwig Masuch nun Fred Casimir auf dem Podium saß], ob das die EMI ist oder die Sony. Das ist der Punkt, wo Abwanderungsbewegungen entstehen bzw. wo Herr Holzhauer sagt, ‘Ich muss mir das genau angucken, ob ich’s mit der GEMA mach oder mit der PRS oder der Sacem‘. Das kann ich ihm gar nicht verübeln, auch wenn ich ihm raten würde, bleiben Sie bei uns, wir sind dann doch sehr präzise und das zahlt sich dann doch in bare Münze aus. Aber, für die Schnelligkeit und für die Möglichkeit, viele Rechte in einem zügigen Vertrag auszuverhandeln, ist die GEMA im Moment noch nicht mit dem richtigen Rahmen ausgestattet.
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